Life by bicycle

Von Moskau Zum Nordkapp
auf dem Fahrrad

Buchumschlag

Die OSM-Karte punktet heute besonders, weil sie Trinkwasserstellen anzeigt. Direkt neben dem Bahnübergang ist eine Pumpe. Es ist mittlerweile sehr warm, beinahe 30 °C. Wir füllen alles auf, was wir an Behältern haben. Ein Mann kommt aus seinem Hof gelaufen und will seine Eimer füllen. Menno fragt, ob er ein Foto machen darf. »Klar«, sagt Sergej und lädt uns direkt zum Tee ein.

Begegnungen, Gastfreundschaft, verlassene Dörfer und einsame Landstriche: Dieses Tagebuch nimmt euch mit auf die 4000 Kilometer lange Reise durch wenig besuchte Ecken dreier Länder im Nordosten Europas. Mit Fahrrad und Zelt radeln wir fernab vom Tourismus von Russland nach Karelien, durch Finnland und über den Polarkreis. Mit uns zieht auch der Frühling gen Norden, samt Blumenwiesen, Kuckucksruf und Mückenschwärmen. 60 Tage lang erleben wir statt Alltag Abenteuer und treten statt im Hamsterrad auf dem Fahrrad.

Kapitel:

  1. Reisevorbereitungen - Fahrräder und Reiseausrüstung
  2. Von Moskau zum Onegasee - auf dem Fahrrad in Russland: Hauptstadt, Goldener Ring, Wologda, Kirilow
  3. Karelien - der große Onegasee, ein Bär, Medwjeschegorsk, Staubwege, Holzlaster und FSB
  4. Finnland - fantastische Campingstellen, jede Menge Regen
  5. Lappland - Rentiere, Holzhütten im Wald
  6. Norwegen - Barentssee, weite Landschaften

Das Buch ist mit 37 farbigen Fotos und Karten mit der Route illustriert.

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Fahrradroute von Moskau über Rybinsk, Wologda, Kirillow und Wytegra zum Onega-See
Karte von Westrussland mit unserer Route

Tag 2 Dimitrow – Nähe Semjagino, 75 km

[...] Ich will gerade unseren ersten Tag auf Facebook posten, als uns ein älterer Mann, der ein Mountainbike schiebt, erfreut anspricht. Er will wissen, woher und wohin. Wir unterhalten uns lange, worüber ist nicht ganz klar. Er empfiehlt uns, Landkarten auf Papier anzuschaffen und zeigt auf den Buchladen an der Ecke. Denn auf diesen hätte er uns gern gezeigt, welche Sehenswürdigkeiten wir im Oblast Moskau auf keinen Fall verpassen dürfen. Unsere OSM-App ist ihm suspekt. Er findet, dass wir uns schlecht vorbereitet haben für eine solch anstrengende Tour. Am Ende frage ich ihn noch, ob er weiß, wo man Spiritus kaufen könne. У меня есть вопрос (U menja jest wopros, ich habe eine Frage), beginne ich. Der Mann schaut mich erwartungsvoll an, freut sich über den vollständigen Satz, und hofft, uns nun helfen zu können: »Spiritus? Für Spiritusbrenner? Nein...«, er schüttelt enttäuscht den Kopf, »den gibt es hier nicht...« Sein erster Eindruck unserer mangelhaften Vorbereitung scheint bestätigt: Keine Papierkarten, kein Brennstoff und von unseren Russischkenntnissen ganz zu schweigen. Trotzdem gibt er seine Hilfsbereitschaft nicht auf: Er habe selbst einen Liter zu Hause, davon könne er uns ein wenig abgeben, bietet er unsicher an.

Nun, wir wollen seine Gastfreundlichkeit nicht überstrapazieren. Brennspiritus gibt es in Russland anscheinend nicht öffentlich zu kaufen. Auch Alkohol über 40 % finden wir in den Läden nicht. Wir stellen uns auf Kaltessen ein.

Verkehrstechnisch geht es heute besser als gestern. Langsam wird es ruhiger und wir haben uns an die Nähe der überholenden Laster gewöhnt. An einer Tankstelle kaufe ich Wasser und zwei Marsriegel und bezahle aus Versehen das Benzin für den nächsten Kunden. Die Kassiererin hat gerade wegen Schichtwechsel übellaunig das Bargeld gezählt und weder unsere bepackten Fahrräder noch mich vor dem Fenster gesehen. Sie hat also keine Ahnung, dass ich kein Benzin kaufen will und auch nicht, dass ich vermutlich Ausländerin bin und sie eventuell nicht verstehe. An der Kasse nuschelt sie irgendetwas in meine Richtung, das ich als »mit Karte?« interpretiere und bejahe. Da haben wir uns wohl falsch verstanden: Es war die Nummer der Pumpe. Ich schaue gerade auf den hohen Betrag auf meinem Kartenzahlungsbon – die Kasse hat sie ja nicht benutzt – als der nächste Kunde sein Benzin bezahlen möchte. Geht nicht, ist schon. Die Kassiererin schaut von ihrem Geldhaufen auf, sieht mich, die Fahrräder, begreift. Ihre Laune sackt auf den absoluten Nullpunkt. Welch eine Verwirrung und auch noch mit Karte bezahlt! Nach einer langen Schicht ist sie zu einer Lösung in meiner Sache weder fähig noch willig und starrt uns angepisst an. [...]

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Tag 3 Semjagino – Nähe Malachowo, 91 km

[...] Ein Schild macht uns darauf aufmerksam, dass wir den Oblast Moskau verlassen und uns nun im Oblast Twer befinden. Es wird direkt ruhiger auf der Straße. An den Strommasten am Straßenrand sind Holzschilder mit den Worten Tворог (Tworog), сыр (Syr), молоко(Moloko) und сметана (Smetana) angebracht. Gut, wenn man zumindest die Wörter für Nahrungsmittel auf Russisch kennt. Tworog ist eine Art körniger weißer Käse, aber viel kräftiger als Hüttenkäse, Syr ist normaler junger Käse, wie wir ihn kennen, Moloko heißt Milch und Smetana saure Sahne. Mit knurrendem Magen biegen wir zum Milchbauern ab. Der Hof sieht nach Ökobauer aus. Nicht, dass ich viel Ahnung von Landwirtschaft hätte, aber ich sehe zumindest keinen geschlossenen Stall mit Abluftanlage und Silo, große Maschinen oder schnurgerade Furchen auf dem Feld. Vorne am Weg steht ein Holzhaus. Kinderwagen, Fahrräder, Spielzeug. Kein Hund. Zurückgesetzt wird eine große Scheune oder vielleicht ein weiteres Haus gebaut, alles aus Holz. Der Bauer kommt mit großen Schritten über das Feld auf uns zu, lacht uns an und begrüßt uns mit einem kräftigen Händedruck und einemДобро пожаловать (Dobro Poschalowatj, herzlich willkommen). Er nimmt uns mit ins Haus, in die kleine Küche, die als Verkaufsraum dient, und ruft seine Frau, die mit drei kleinen Kindern im Schlepptau die Treppe herunterkommt. Die beiden lassen uns den Tworog und die Sahne kosten, sehr schmackhaft. Der Bauer füllt aus einem Eimer eine große PET-Flasche mit Milch ab, aus einem anderen Eimer Tworog in eine Plastiktüte, außerdem aus einem großen Glas noch Sahne in einen Becher. Auch Speck wird uns angeboten, brauchen wir aber nicht. Wir zahlen umgerechnet etwa 3 € und trinken direkt ein paar große Schlucke aus der Milchflasche gegen den Hunger. Der Bauer schickt uns mit dem ältesten Kind, einem etwa 8-jährigen Mädchen, auf den Hof. Sie soll uns alles zeigen: die Schweine, das Gemüse, die Kaninchen und das neue Kälbchen [...]

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Tag 4 Malachowo – Uglitsch – Utschma, 68 km

[...] Am späten Nachmittag sehen wir ein Schild Museumsdorf. Der Ort heißt Utschma. Wir sind in Sightseeing-Laune und biegen ab, fahren zunächst durch ein normales kleines Dorf mit ein oder zwei Wegen und kommen beim vorletzten Hof am Museum an. Auf dem nicht allzu großen Gelände stehen mehrere Holzhäuser, die nicht wie sonst in bunten Farben bemalt, sondern naturbelassen und mit den typischen Nalitschniki versehen sind, den aufwendigen Verzierungen an Fensterrahmen und Giebeln.

Wir stellen die Räder auf dem Weg vor dem Eingang ab und öffnen das Tor. Ein großer Hund liegt träge in der Sonne und blinzelt uns an. Die Nachmittagssonne taucht das Ensemble in goldenes Licht, ein paar Gänse wackeln über das Gras. Das Gelände fällt zum Fluss hin ab und geht nahtlos in Sumpf und dann in die Wolga über. Aus einem der Gebäude hören wir Filmgeräusche und öffnen die Tür. Eine Frau empfängt uns. Sie spricht Englisch. Wir sind im Museum Das russische Dorf, in dem das Leben des Dorfes von Nachkriegsrussland bis Perestroika ausgestellt ist.

Uta steht hinter der Theke des Ladens aus früheren Zeiten und spielt mit dem Abakus. Zu sehen sind Produkte von früher und eine alte Waage.
Einkaufen früher: im Netz die Papirossy, statt Kasse ein Abakus

Hier gab es Viehzucht und Fischerei. Landwirtschaft natürlich auch. Wir schauen uns Werkzeuge, Kleidung und Einrichtung von damals an und machen lustige Fotos mit den historischen Sowjet-Accessoires. Heutzutage, meint die Frau vom Museum, fische hier keiner mehr. Kommerzieller Fischfang sei sogar untersagt. Und Landwirtschaft gebe es auch keine mehr. »Eine Tragödie für Russland«, sagt sie. Vielleicht sollte ich ihr von dem Ökobauern 70 km weiter südlich erzählen?

Vermutlich will sie darauf hinaus, dass in den Supermärkten kein Obst und Gemüse aus Russland zu finden ist. Das ist uns schon aufgefallen. Auch in den kleinen Läden auf den Dörfern gibt es nur sehr begrenzt Obst und Gemüse. Jetzt wächst ja noch nichts. Natürlich will sie wissen, wie es uns hierher verschlagen hat und wie unsere Route aussieht. Menno will ihr unsere Route auf seinem Handy zeigen, als ihm auffällt, dass er es im Handyhalter auf dem Fahrrad vergessen hat. [...]

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Fahrradroute vom Onega-See über Petrosawodsk, Medweschegorsk, Porososero und Wjartsila nach Finnland.
Karte von Karelien mit unserer Route

Tag 18 Petrosawodsk – Velikaja Guba, 90 km (per Fähre)

[...] So fahren wir zur Fähre und warten bis 18 Uhr ab. Es sind schon etliche Leute da, die auch warten, alle mit Großeinkäufen, viele mit Pflanzen. Eine Frau fragt mich, ob ich mal ein Auge auf ihre Taschen haben könne. »Ja, sicher.« Sie kommt zurück und beginnt, uns auszufragen. Woher, wohin, weshalb. Sie sagt, sie sei aus finnisch Karelien, lebe hier in Petrosawodsk und habe eine Datscha auf Kischi. Da wolle sie jetzt hin. Sie will genau wissen, wo uns unsere Reise entlangführt. Irgendwie ist sie nicht so richtig zufrieden mit meinen Antworten. Sie zeigt auf Menno: он тоже не говорит по-русски? (On tosche nje govorit po russki, spricht er auch kein Russisch?) Was soll das denn heißen, тоже!? Ich schlage mich nun schon seit einer Viertelstunde auf Russisch durch diese Unterhaltung und dann fragt sie, ob der »auch« kein Russisch könne. »Nein«, sage ich. Dann zieht sie eine 8-fach gefaltete karelische Zeitung aus ihrer mittelgroßen Damenhandtasche und hält mir die finnischsprachige Titelseite unter die Nase. »Hier, das bin ich«, sagt sie. Dann spricht sie finnisch. Ich versichere ihr auf Deutsch, dass mein Finnisch zweifelsfrei noch schlechter sei als mein Russisch und sie schaltet wieder zurück.

Sie habe diesen Artikel anlässlich der 9.-Mai-Demo geschrieben, die auf der Titelseite abgebildet ist, verstehe ich. Auf dem Bild hält die Frau ein Schild mit einem Foto aus den Vierzigern hoch, auf dem eine junge Frau zu sehen ist. Ihre Schwester, erklärt sie, Ärztin, sehr schön sei sie gewesen. Vermutlich hat sie den Krieg nicht überlebt. Dann folgen Jahreszahlen und Kriegsereignisse, denen ich nicht folgen kann. Karelien als Republik bleibt für uns auch nach dem Studium des Wikipedia-Artikels ein unscharfer autonomer Landstrich, der das Ergebnis mehrerer verschwommener Kriege zu sein scheint.

Immerhin erkenne ich, dass ich eine Regionalpatriotin vor mir habe, mache eine wissbegierige Mine und zeige, dass ich Informationen aufnehme, indem ich ab und an Wortfetzen ihrer Erzählung wiederhole. Plötzlich schaut sie wieder streng zu Menno: »Ist das dein Mann?« »Ja«, sage ich und befürchte, dass Menno nicht den angemessenen Gesichtsausdruck gezeigt hat. »Habt ihr Kinder?« »Nein.« »Wollt ihr welche?« Vorsicht, Glatteis! Может быть (Moschet bytj, vielleicht), sage ich und ahne Schlimmes. Tatsächlich schaut sie wieder streng zu Menno. Keine Ahnung, was ihr Problem ist. И он? Он хочет? (I on? On chotschet?) Und er, will er?. [...]

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Tag 24 Porososero – Liepaniemi, 78 km

[...] In Lachkolampi wollen wir Eis kaufen. Wir stehen an, als ein Mann in Uniform inklusive Uniformmütze reinkommt und irgendetwas in die Runde blafft. Außer uns und der Verkäuferin stehen eine Frau, ein Paar und noch drei Kinder im Laden, die schon seit unserer Ankunft mit einem Schokoriegel und einer Tafel Milka-Schokolade in der Hand dort herumlungern und uns neugierig mustern. Niemand antwortet. Der Uniformierte spricht mich direkt an. Ich sage ihm, dass ich kein Russisch spreche. Er sagt wieder einen Satz, den ich nicht verstehe, wahrscheinlich Amtsrussisch, so etwas wie: Weisen Sie sich aus! Ob das auf Russisch auch so lustig zweideutig ist wie im Deutschen? »Passport!«, fällt der Uniformmütze dann doch noch ein.

Ich laufe mit ihm nach draußen zu den Fahrrädern und zeige meinen Pass. Menno kommt auch. Вы тоже не говорите по русски? (Wyi tosche ne govoritje po russki?), fragt er Menno. »Nein, auch kein Russisch.« »Ich spreche Englisch«, sage ich. »Google«, sagt er nur und lacht. Er holt sein Handy raus und will die Pässe mit den Migrationspapierchen fotografieren. Der Wind bläst das Papier aber immer weg. Kooperativ halte ich Pass und Papierchen fest, sodass er unsere Pässe fotografieren kann. Er ist mit einem zivilen Auto da, einem recht schäbigen Kleinwagen. Ich tippe mit dem Zeigefinger auf seine Marke und lese laut: »Ka-re-li-en.« Er nickt beifällig. Ich frage, als könne ich seine Marke nicht selbst lesen: Вы полиция или армия? (Wyi polizia ili armia?) Sind Sie Polizei oder Militär?. ФСБ (FSB), antwortet er geduldig, während er in der prallen Sonne auf seinem Handy herumtippt.

Aha, er ist also tatsächlich nur überrascht, uns hier zu sehen, und neugierig. Das ist gut. Dass man als Ausländer in Grenznähe vom FSB angehalten wird, ist ja wahrscheinlich. Ich habe schon viel früher mit Kontrollen gerechnet. Die Mütze ist fertig damit, die Fotos zu verschicken. »Google Perewodschik«, ruft er in sein Handy. Google fragt uns nach unserer Route. Ich erkläre sie ihm. Er will sehen, wo wir waren. Als ich ihm den Track auf OSM zeige, wird er munter, schaut ihn sich genau an. Dann will er wissen, wann genau wir angekommen sind. »Am 30. April.« Er zählt an seinen Fingerknöcheln ab, ob es einen 31. April gibt. Das ist wichtig, wenn wir am 29. Mai, dem Ende unseres Visas, ausreisen wollen, sowie für unseren Aufenthalt vom Ankunftstag bis zum 2. Mai in Moskau, womöglich mehr als die erlaubten drei Tage ohne Meldung. Seine Knöchel bestätigen, einen 31. gibt es im April nicht, und alles hat seine Richtigkeit.

Der Google-Übersetzer fragt uns nun, ob wir einen Marshall-Plan haben – Маршрутная листа (Marschrutnaja Lista) steht bei Ausgangssprache, also einen Routenplan. Nein, einen Marshall-Plan haben wir leider nicht, gestehen wir ratlos und machen ernste Gesichter, nur Open-Street-Map auf dem Handy eben. Die Mütze ruft seinen Kollegen Aleksej an und erzählt, wen er vor sich hat: »Deutsche, und alles mit dem Fahrrad«, sagt er am Ende noch. [...]